Die besondere Situation gehörloser Eltern mit hörenden Kindern

Hörgeschädigte Eltern und ihre zumeist hörenden Kinder leben trotz enger Lebensgemeinschaft in zwei unterschiedlichen Erfahrungswelten. Die Eltern erfahren die nahezu lautlose Welt der Gehörlosen, die in erster Linie durch die Kommunikation in Gebärdensprache geprägt ist, und ihre Kinder nehmen vor allem die akustisch geprägte Welt der Hörenden wahr, in der die lautsprachliche Kommunikation dominiert.

Um mit den Eltern zu kommunizieren, übernehmen diese Kinder Struktur und Kommunikation der gehörlos geprägten Welt, und in der Kommunikation mit der weiteren Umwelt kommunizieren sie wie jedes andere hörende Kind auch. Dieser Wechsel zwischen den Welten kann sich belastend auf die Entwicklung des Kindes auswirken und zum manifesten Problem für das Kind werden. Hörende Kinder gehörloser Eltern fungieren wie sogenannte "Brückenmenschen" zwischen der Welt der Gehörlosen und der der Hörenden. Dabei sind sie oft Vermittler für die gehörlosen Eltern in der hörenden Welt. Diese Situation verschärft sich zudem für das hörende Kind, wenn es neben den gehörlosen Eltern auch gehörlose Geschwister hat. Es ist zu bemerken, dass nicht nur die gehörlosen Eltern ihre hörenden Kinder um Dolmetscherdienste bitten. Nicht selten kommt es vor, dass sich hörende Gesprächspartner - Nachbarn, Großeltern, Ärzte, Jugendamt, Lehrer,... an das hörende Kind wenden.

Als besondere Bedingungen für die Entwicklung hörender Kinder gehörloser Eltern lassen sich vor dem beschriebenen Hintergrund folgende Punkte festhalten, durch die es auch zu Problemen in der Entwicklung kommen kann:

Beginnend mit der Geburt von hörenden Kindern gehörloser Eltern können diese Eltern ihren Kindern die lautsprachliche Kommunikation nur unzureichend vermitteln. Die Kinder erlernen die Lautsprache daher in der Regel durch andere Bezugspersonen: Großeltern, nahestehende Angehörige, eine Tagesmutter, Nachbarn, Freunde oder Kindergärtnerin. Von den eigenen Eltern lernen die Kinder vornehmlich die Gebärdensprache. Das versetzt die Kinder zwar in die Lage einer frühen Zweisprachigkeit, verlangt aber auch von ihnen, sich mittels dieser erlernten Sprachen in zwei unterschiedlichen Erfahrungswelten zurecht zu finden. Das ist anders als die zweisprachige Erziehung von Kindern beispielsweise in Englisch und Deutsch, Sprachen, die die Kinder beide von ihren Eltern erlernen und die damit auch verbundenen Erfahrungswelten von ihren Eltern vermittelt bekommen. Gerade diese, mit der Sprache verbundenen unterschiedlichen Erfahrungswelten aber nehmen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes. Das Hineinwachsen in zwei verschiedene Welten, von denen nur eine durch die eigenen Eltern repräsentiert wird, kann somit Probleme mit sich bringen, die sich auf der Beziehungsebene zwischen Eltern und Kind auswirken können.

Nach dem Lautspracherwerb, d.h. in der Regel etwa im Alter von vier bis fünf Jahren, sind die Kinder ihren Eltern lautsprachlich überlegen. Für die Eltern stellen die Kinder daher bereits in diesem Alter eine echte Hilfe zu ihrer eigenen Lebensbewältigung dar. Die Eltern neigen dazu, ihre Kinder in Alltagssituationen als Familiendolmetscher einzusetzen: so zum Beispiel beim Einkauf, bei Behördengängen, beim Fernsehen, Telefonieren, bei Elterngesprächen in der Schule u.ä. Diese Möglichkeit der Kommunikationshilfe wird von den Eltern dann besonders gerne genutzt, wenn nicht rechtzeitig ein amtlicher Dolmetscher zu einem Gesprächstermin bestellt wurde, oder wenn die Eltern eine Gesprächssituation lieber ohne einen amtlichen Dolmetscher lösen wollen.

In solchen Situationen kommt es zum familiären Rollentausch: Das Kind begleitet die Eltern und hilft ihnen bei einer schwierigen Alltagssituation. Die Eltern machen sich in solchen Situationen abhängig von ihrem hörenden Kind. Das Kind wird zum Vermittler/ zum Dolmetscher und ist damit in der Regel psychisch überfordert.

Über diese Gegebenheiten hinaus fühlen sich die Eltern in ihrer Elternrolle vor allem durch ihre eigenen Eltern oder andere Hörende mitunter kontrolliert, bevormundet und behindert. Dieses von Kind an dominierende Gefühl des Menschen mit Hörschädigung stellt sich auch in der Elternrolle wieder ein. Die Eigenverantwortlichkeit und Selbständigkeit der gehörlosen Eltern wird von der Umwelt in Frage gestellt. Zu der kommunikativ bedingten, besonderen Eltern - Kind – Situation in der Primärfamilie kommt also für die Eltern noch die besonders geprägte Situation ihres eigenen Elternseins hinzu. Ihre eigene, oft psychisch nicht aufgearbeitete Lebensgeschichte tragen sie in ihre neu gegründete Familiensituation mit hinein. Es kommt zu einer Anhäufung problematischer Gegebenheiten in der Familie.

Es lassen sich in diesen Familien daher vermehrt Probleme auf der Beziehungsebene beobachten, die zu lösen dann der fachlichen Begleitung und Unterstützung dringend bedürfen.

Dr. Juliane Ruth Mergenbaum
Hörgeschädigtenpädagogin
Diözesanreferentin für die Gehörlosenseelsorge

Hilfreiche Adressen im Erzbistum Köln:

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Arnold von Siegenstr. 5
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0221 60608540
Sekretariat@beratung-in-koeln.de

Katholische Gehörlosenseelsorge St. Georg
Pfarrer Dr. Reuther, Frau Dr. Mergenbaum
Georgsplatz 17
50676 Köln
(Schreib-)Telefon: 0221 – 210801
Fax 0221 – 2403753

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Caritasverband Köln
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(Schreib-) Telefon: 0211 / 1602-2178
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Behindertenseelsorge im Erzbistum Köln
www.behindertenseelsorge.de

Allgemeine Internetportale für hörbehinderte Eltern / Kinder

http://www.intakt.info/

www.zentrale-fuer-gehoerlose.de

www.taubenschlag.de

www.gehoerlosen-bund.de

www.gehoerlosenseelsorge-koeln.de

www.intakt.info