"Ich bin der Arzt und Du bist krank..." kindliche Doktorspiele und Sexualentwicklung

Tolerieren oder unterbinden? - ein Ausflug in die kindliche Sexualität         

Ungefähr ab dem dritten Lebensjahr beginnen unsere Kinder, sich für das eigene Geschlecht und das der anderen zu interessieren. Sie erforschen mit Lust ihren Körper und stellen neugierige Fragen. Viele Erwachsene stehen in diesem Zusammenhang vor dem Problem, wie sie sich gegenüber der kindlichen Neugier verhalten, was sie verbieten und erlauben sollen und welche Antworten auf kindliche Fragen angemessen und ausreichend erscheinen.

Zunächst einmal scheint es wesentlich, die kindliche Neugier und den Forscherdrang als natürlichen Ausdruck der psychosexuellen Entwicklung des Kindes zu verstehen und wertzuschätzen. So sollten sich Erwachsene nicht angstvoll fragen, ob mit ihrem Kind alles in Ordnung ist, wenn es Doktorspiele spielt. Viel eher geht es um den Rahmen, in welchem Doktorspiele stattfinden sollten und wie man der kindlichen Neugier in Bezug auf den eigenen Körper und die eigene Sexualität begegnen kann.

Schon als Babys sind unsere Kinder sexuelle Wesen, sie genießen das Saugen an der mütterlichen Brust und spielen schon früh mit Lustempfinden an ihren Geschlechtsteilen herum.

Die Sexualerziehung unserer Kinder beginnt schon mit jedem zärtlichen Berühren, Ansehen oder Trösten, das wir dem Kind entgegenbringen. Das Verhältnis des Kindes zu seinem Körper und seinen körperlichen Gefühlen wird damit schon von Geburt an durch die Eltern als primäre Bezugspersonen geprägt. Ein natürlicher, zärtlicher Umgang mit dem Kind und dessen Körper bildet beim Kind die Basis für ein glückliches erfülltes Leben, in dem auch die Sexualität als wichtiger Bestandteil lustvoll gelebt werden kann und darf. Eltern haben hier für das Kind von Beginn an eine wichtige Vorbildfunktion.

Wesentlich für die kindliche Sexualentwicklung und das kindliche Empfinden erscheint ein respektvoller Umgang mit dem kindlichen Körper und den Empfindungen der Kinder. Kinder brauchen zudem die Erfahrung, dass es erlaubt ist, dass sie ihren Körper erforschen und ihnen körperliche Berührungen auch „schöne Gefühle“ machen. Körperliche Lust sollte von den Kindern als etwas Legitimes, Schönes erlebt werden dürfen.

Die klassischen „Doktorspiele“ treten im Alter zwischen 3 und 6 Jahren auf. Ein „Patient“ wird vom „Arzt“ untersucht, der Körper des Patienten inklusive der Geschlechtsteile inspiziert und Geschlechtsunterschiede festgestellt. Während des Spiels erfahren die Kinder, welche Berührungen angenehm und welche unangenehm sind. Zum Doktorspiel ziehen die Kinder sich meist in einen intimen Raum zurück. Doktorspiele verlieren ihren Reiz, wenn die Kinder alle wichtigen Geschlechtsunterschiede kennen gelernt und erforscht haben.

In der Regel finden die Doktorspiele im gegenseitigen Einverständnis statt und meist mit solchen Kindern, die untereinander Sympathie empfinden. Die meisten Kinder können sich über ein klares „Nein“ vor solchen Berührungen abgrenzen, die sie nicht wollen.

Es ist nicht empfehlenswert, die Doktorspiele der Kinder grundsätzlich zu verbieten, zu bestrafen oder abzuwerten. Sexualität sollte den Kindern nicht als etwas Auszugrenzendes vermittelt werden. Schnell könnten durch ein solches Verhalten jegliche sexuellen Regungen mit Angst vor Strafe, Gefühlen von Scham und Schuld belegt werden, dies als Prägung über das Kindesalter hinaus wirken.

Als Erwachsener sollte man sich in Doktorspiele der Kinder nur einmischen, wenn ein Kind danach bedrückt oder still erscheint. Auch sollte man bei Doktorspielen darauf achten, dass die Kinder im gleichen Lebensalter sind und nicht wegen des unterschiedlichen Alters ein zu großes „Machtgefälle“ und damit Gefahren von Unterdrückung oder Manipulation entstehen. Sicherlich gilt es einzugreifen, wenn mit spitzen oder anderen gefährlichen Gegenständen „untersucht“ wird. Man sollte sich zudem vergewissern, dass die Kinder sich nur auf das einlassen, was sie wirklich wollen.

Es erscheint wichtig als Erwachsener -wenn nötig- auch den Rahmen vorzugeben, in dem Doktorspiele gespielt werden dürfen. Sexuell entgrenztes Verhalten sollte nicht unterstützt werden, sondern dem Kind ein Gefühl für den notwendigen Intitmitätsrahmen, auch bezogen auf den eigenen Körper, vermittelt bzw. gegeben werden. Meist haben die Kinder dieses Gefühl schon aus sich heraus und ziehen sich z.B. für die Doktorspiele in nicht einsichtige Winkel des Zimmers zurück.

Grundsätzlich sollte man in Bezug auf Sexualität und die Sexualerziehung seines Kindes auf das eigene Gefühl vertrauen. Mutter oder Vater spüren, wenn kindliches Verhalten oder Anfragen über einen alters- und situationsangemessenen Rahmen hinausgehen und sollten dann das Kind begrenzen. Alles, wobei Eltern ein „gutes Gefühl“ haben, sollte nicht mit komplizierten Überlegungen, ob es denn wohl für das Kind richtig ist, überfrachtet werden. Kinder brauchen altersangemessene Sexualerziehung sowie die Erkundung ihres Körpers und der Geschlechtsunterschiede. Es gilt, als Eltern zu spüren, an welcher Stelle ein Kind genügend Informationen hat. Es wird zu anderer Zeit seine Eltern weiter fragen. Ebenso können Eltern entscheiden, welche Informationen in welchem Alter gegeben werden, gemessen jeweils auch an der Person des Kindes und der aktuellen Situation. Sicherlich sollte man ein Kind durch zu viele Informationen auch nicht überfordern.

Hilfreich können im Zusammenhang mit Sexualität und Aufklärung Bilderbücher sein, die man als Eltern zunächst in der Bücherei oder Buchhandlungen einsehen kann, um auch wirklich ein solches Buch zu finden, das zu Eltern und Kind passt.

Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche
-Erziehungsberatung der Caritas in Wuppertal-

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