Leibliche Eltern - Soziale Eltern

Ist eine Familie nur als "Vater-Mutter-Kind" denkbar - oder gibt es vielfache Formen der sozialen Elternschaft?

Ca. 50% aller Kinder und Jugendlichen, die wir in der Erziehungsberatungsstelle sehen, leben nicht mit ihren beiden leiblichen Eltern zusammen.

Von welchen Familien sprechen wir hier?

Zunächst sei die größte Gruppe genannt, der wir begegnen, nämlich die Familien in Trennung und Scheidung und die Stieffamilien / Zweitfamilien.

40 bis 50% der Kinder, die gegenwärtig in Deutschland zur Welt kommen, werden langfristig nicht in der Familie aufwachsen, in die sie hineingeboren wurden.

Vergessen sollten wir aber auch nicht diejenigen, die getrennt von beiden biologischen Eltern leben. Es sind Kinder in Adoptivfamilien, die rechtlich dem leiblichen Kind gleichgestellt sind. Es sind aber auch Pflegefamilien, die sozusagen in "Heimarbeit" familienergänzend oder -ersetzend einen Auftrag der öffentlichen Jugendhilfe übernommen haben und sich die Aufgabe gestellt haben, für ein oder mehrere Pflegekinder dauerhaft oder zeitlich befristet die Erziehung zu gestalten.

In Deutschland leben zurzeit ca. 120.000 Kinder nicht bei ihren leiblichen Eltern,  wachsen in Heimen oder Pflegefamilien auf.

Viele dieser Pflegefamilien - insgesamt etwa 50.000 - sind darüber hinaus verwandtschaftlich mit dem Pflegekind verbunden, beispielsweise, wenn die Großmutter oder Tante das Kind bei sich aufnimmt, weil die leibliche Mutter aufgrund von Drogenabhängigkeit oder dem Verbüßen einer Haftstrafe zur Übernahme der Erziehungsverantwortung nicht in der Lage ist.
Es stellt sich die Frage, warum diese Kinder und Jugendlichen, die soziale Elternschaft erleben, in der Beratungsstelle überrepräsentiert sind, obwohl sie bezogen auf die Gesamtbevölkerung einen wesentlich geringeren Teil ausmachen.

Vorschnell könnte man sagen, dass die Zweitfamilie der Kernfamilie, in der beide leiblichen Eltern zusammenleben, unterlegen ist. Auch der Gedanke, dass eine Scheidung ein Kind dauerhaft schädigt, Pflegeeltern sich für nicht leibliche Kinder weniger engagieren oder Adoptiveltern sich schwerer tun, liegt nahe. Davon kann man aber nicht ausgehen.

Die Schwierigkeiten resultieren oft eher aus der Vielzahl der beteiligten Personen und ihrer Beziehungen untereinander. Es ist eine Frage wo das "Wir" einer Familie beginnt und endet, wer in welcher Weise zu wem gehört und wer zu wem hält, wer für was zuständig ist, wer etwas zu sagen hat oder auch nicht...

Die Vielschichtigkeit der Situation wird u.a. aus folgenden Fragen deutlich:

  • Wie gestalten sich Übergangsprozesse in Stieffamilien, wenn ein neuer sozialer Elternteil hinzukommt? Wie reagieren die Kinder, wie soll zukünftig mit dem leiblichen Elternteil umgegangen werden und wie definiert sich die Rolle von Stiefvater oder Stiefmutter in der neuen Familienkonstellation?
  • Wie gehen wir als Pflegeeltern mit den frühen Entbehrungen des Kindes um, wenn sie sich als starke Verhaltensauffälligkeiten manifestieren.
  • Wie begleiten wir unser Adoptivkind, wenn es sich auf die Suche nach seinen leiblichen Eltern begibt, wenn wir über seine Umstände der Fremdplatzierung Auskunft geben oder wenn wir gerade in der Phase der Pubertät erkennen, dass seine Identitätsentwicklung vielschichtiger verläuft als bei leiblichen Kindern?

Dies soll ein kleiner Ausschnitt der Überlegungen sein, mit denen sich Erwachsene in ihrer Rolle als soziale Eltern beschäftigen.
Viele suchen dann nach Rat in einer Beratungsstelle...

Was kann Beratung leisten?

Erziehungsberatung kann hier einen wirksamen Beitrag zum Gelingen komplexer familiärer Entwicklungsprozesse leisten. Familiensoziologisch gesehen baut sie damit eine Brücke in eine Gesellschaft, deren Zukunft nicht durch die Auflösung der Kernfamilie, sondern im Sinne wachsender Familienpluralität durch eine Zunahme alternativer Formen des Zusammenlebens gekennzeichnet ist.

Ziel der Beratung ist zunächst die Unterstützung, die Wertschätzung der Eltern für ihr hohes Engagement, aber auch die Information über die Besonderheiten dieser Familienstrukturen, die sich deutlich von dem Beziehungserleben in Kernfamilien unterscheiden.Die nachvollziehbare Vorstellung auf Seiten der Ratsuchenden, soziale Elternschaft zu tabuisieren, zu verleugnen und stattdessen voreilig Wünsche und Erwartungen an familiäre Beziehungen zu knüpfen, die eher dem Bild der "heilen Kernfamilie" entsprechen, führen zu innerfamiliären Spannungen und Enttäuschungen.

Dann kommt eher es darauf an, für jede Familie die passende Form zu finden.

 

 

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