Liebe - Grenzen - Konsequenzen

 

Grenzen sind etwas, das uns in unserem Alltag immer wieder begegnet. Zugleich versuchen wir zunehmend, sie abzuschaffen. Jan Uwe Rogge sagt in seinem Buch "Kinder brauchen Grenzen": "Sie [die Grenzen] gestalten Räume und Zeiten, sie geben Sicherheit und Verläßlichkeit, sind Orientierungspunkte- aber Grenzen reizen auch, sie sind Markierungen, die manchmal nur eine Zeitlang gültig sind."

Menschen, d.h. nicht nur Kinder, sondern auch wir Erwachsenen brauchen Grenzen. Sie geben uns Halt in einer Zeit, in der Grenzen zunehmend aufgelöst werden oder sich verwischen: Im Zeitalter der Globalisierung gibt es kaum noch sichtbare Grenzen zwischen Ländern, durch Fernsehen, Zeitung und vor allem Computer kommt die ganze Welt in unser Wohnzimmer. Man hat das Gefühl, alles ist möglich. Die Grenzen zwischen Eltern und Kindern lösen sich zunehmend auf: Eltern fahren Inliner und Kickbords, Kinder beherrschen Videorecorder und Computer besser als Erwachsene.

Wenn man sich mit Jugendlichen unterhält über ihre Ziele und Perspektiven, so erlebt man häufig, dass in ihren Köpfen Bilder von grenzenlosen Möglichkeiten bestehen. Es werden Vorstellungen entwickelt, man wolle später einmal viel Geld haben, ein großes Haus, eine Familie, dabei aber möglichst wenig arbeiten, damit man viel Freizeit hat und sich vergnügen kann. Wie man dies erreichen kann, welche Grenzen dabei beachtet werden müssen, wieviel was kosten könnte, was man womit verdienen kann, welche Schulbildung zunächst einmal als Voraussetzung vorhanden sein muß, usw., dies kommt gar nicht erst in den Blick. Das führt dazu, dass Jugendliche oft völlig frustriert sind, weil sie merken, dass sie ihre völlig unrealistischen und überhöhten Ansprüche gar nicht verwirklichen können, dass die Grenzen der Realität sie einholen. Dies wiederum führt oft zu Gewaltanwendungen. Man versucht mit Gewalt zu erreichen, was mit den eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten ohne Gewalt nicht funktioniert hat, oder will sich schnellstmöglich ein Bedürfnis befriedigen, weil man meint, langsam nicht zum Ziel zu kommen.

Bei Kindern kann man oft beobachten, dass sie bei Verboten oder Regeln der Eltern versuchen, stundenlang darüber zu diskutieren, diese in Frage zu stellen, so lange, bis die Eltern explodieren und es damit zum Ende bringen. Im Extremfall ist erst Ende, wenn die Eltern zugeschlagen haben. Eltern haben oft die Vorstellung: irgendwann muß mein Kind das doch mal verstehen.... Es muß das doch einsehen. Vielleicht auch noch schön finden.......Dies ist eine irrige Ansicht. Viele Dinge können Kinder nicht verstehen, nicht einsehen, weil sie nach anderen Gesetzen leben als wir. Sie sind überfordert mit unserer Vorstellung, sie könnten unsere Denkweise und Erfahrung nachvollziehen. Hier werden die Grenzen der Kinder nicht gesehen und respektiert. Wenn den Eltern dann schließlich nach all der Diskussion und dem Versuch, das Kind zu überzeugen - was nicht gelingt - der Kragen platzt, so geschieht das oft unbeherrscht und bringt dann Probleme mit sich, weil die Eltern nicht mehr kalkulierbar sind. Schlagen und Schreien von Eltern entsteht in den meisten Fällen aus einem Gefühl von Hilflosigkeit und Ausgeliefert-Sein. Dabei sollten Eltern doch wissen, wo es lang geht!

Grenzen sind aber auch etwas, dass sich immer wieder verändert und verändern muss. Ein Wesen, das wächst, benötigt zunächst als Halt einen engen Raum, der aber erweitert werden muß mit zunehmender Größe. Das beginnt beim Kinderbettchen, dass erst angepaßt an den Winzling ganz klein und kuschelig ist, umgeben von Gittern, damit das Kind nicht herausfällt und sich verletzt, bis zum Doppelbett für den Erwachsenen, der sich ausbreiten möchte und viel Platz benötigt. Dies kann man als ein Bild für viele Grenzveränderungen nehmen. So, wie ein Kind sich vom Säugling zum Jugendlichen entwickelt, so entwickeln sich auch Eltern eines ersten Kindes ohne Erfahrung zu Eltern eines oder vielleicht mehrerer Jugendlichen mit viel Erfahrung. Entsprechend verändern sich auch die Grenzen und Regeln, die in einer Familie bestand haben.

Eine Möglichkeit, Grenzen zu sehen und die Schwierigkeit damit umzugehen, zu verstehen, ist vielleicht folgendes Bild: Grenzen sind wie Rahmen,

1. der Rahmen der Selbstbestimmung des Kindes: z.B. welche Schuhe trage ich heute, wieviel möchte ich essen, wen erkläre ich zu meinem Freund und wen nicht, ...

2. der Rahmen, in dem Dinge zwischen Eltern und Kindern ausgehandelt werden können und müssen: z.B. wann und wie ein Zimmer aufgeräumt werden muß, wie lange man zur Freundin oder zum Freund gehen darf, wann die Hausaufgaben gemacht werden, was man beim einkaufen so alles mitnehmen kann oder auch nicht, usw.

3. der Rahmen, den die Eltern vorgeben: z.B. wieviel Taschengeld es gibt und ab welchem Alter, ab welchen Temperaturen ein Kindergartenkind nicht mehr mit kurzer Hose rausgehen darf, weil es sich sonst erkältet, usw.

4. der Rahmen, der durch Gesellschaft und Gesetz vorgegeben ist: daß ein Kind eine Schulpflicht hat, daß man nicht einfach andererleuts Sachen klauen darf, usw.

Sie merken vielleicht selbst schon: das Hauptproblem besteht darin, immer wieder neu zu definieren, was gehört in welchen Rahmen hinein, was läßt sich noch miteinander verhandeln, und an welcher Stelle müssen Eltern auch klar sagen: bis hier hin und nicht weiter, darüber lassen wir nicht mit uns verhandeln.

Grenzen setzen ist ausgesprochen anstrengend und bedarf Zeit und Ruhe. Es ist notwendig, sowohl die eigenen Grenzen als auch die der Kinder zu sehen und verstehen zu wollen. Dabei sind Gespräche zwischen Kindern und Eltern notwendig, Zuhören, Austausch von Gefühlen und Vorstellungen, aber auch hier gilt der Satz: nicht grenzenlos! Eltern haben oft die Idee, dem Kind etwas Gutes zu tun, indem sie sich auf endlose Diskussionen einlassen oder sie an der langen Leine laufen zu lassen, kommen dann manchmal völlig entnervt zu uns in die Beratungsstelle und klagen darüber, dass die Kinder absolut nicht hören, dass man ihnen etwas 10 mal sagen muß und sie es immer noch nicht tun, dass die Kinder sich an nichts halten. Und all das, obwohl man doch schon 100 mal erklärt hat, warum das so sein soll. Bei genauem Hinschauen fällt dann immer wieder auf, daß die Eltern dieser Kinder bisher nicht ausreichend gelernt haben, sich klar auszudrücken und den Kindern sehr deutlich zu machen, daß sie etwas von den Kindern wollen, daß es nicht drauf ankommt, daß das Kind versteht und schön findet, daß es abends um 8 Uhr ins Bett gehen soll, oder daß es regelmäßig in die Schule gehen soll, sondern daß es das tun muß. Regeln müssen aufgestellt werden, sie ergeben sich nicht von selbst!

Wichtig hierbei erscheint mir immer wieder der Hinweis: ein Kind darf sich über meine Regeln durchaus ärgern, ich kann vieles auch gut verstehen, aber machen muß das Kind es dennoch, weil es Dinge gibt, die nicht zu ändern sind. Und interessanter weise stellen Eltern auch immer wieder fest: wenn sie klipp und klar sagen: ich will das so, tun die Kinder sehr viel mehr, als die Eltern vorher jemals gedacht hätten. Viele Endlosdiskussionen entfallen, was sehr zur Entspannung beiträgt.

Hier noch ein Hinweis: je früher Sie dies mit Ihren Kindern einüben, desdo leichter wird dies mit zunehmendem Alter. Auch die Grabenkämpfe in der Pubertät werden erheblich einfacher, weil Ihr Sohn oder Ihre Tochter gelernt haben, dass sie ernst genommen werden und sie selbst auch die Eltern ernst nehmen müssen. Wenn dies nicht der Fall ist, haben Sie leicht den Fall der Mutter, die sich nicht mehr traut, ihren 15 jährigen Sohn in seine Schranken zu verweisen, weil er ihr über den Kopf gewachsen ist.

Bei Gesprächen mit Eltern fällt immer wieder auf, daß das Thema: Grenzen und Regeln setzen, sehr negativ besetzt ist. Es wird gleichgesetzt mit Kommandieren, mit Strafen, Verboten, Moralpredigten. Dies resultiert aus einer zunehmenden Verunsicherung von Eltern in der heutigen Zeit. Früher, für die Generation meiner Eltern, war völlig klar, wie man zu erziehen hatte, die Eltern hatten das nötige Selbstbewußtsein, daß so, wie sie denken, richtig gedacht ist. Die Lebensformen waren überschaubar und klar. Heute gibt es so viele Möglichkeiten, was man alles wie richtig oder falsch machen kann, es gibt die unterschiedlichesten Lebensformen nebeneinander, es gibt Massen von Erziehungsratgebern, die aber an den Vorstellungen, Ideen und Möglichkeiten der Leser völlig vorbei gehen. Eltern geht oft ein Gespür für die eigenen Fähigkeiten verloren, das, was man eigentlich gut und richtig findet, wird immer wieder in Frage gestellt, bis man sich gar nicht mehr traut, irgend etwas zu wollen im Umgang mit den Kindern. Konsequenzen in der Erziehung wird mit Strafen gleichgesetzt, man übersieht, daß jede Handlung Konsequenzen nach sich zieht, positive wie negative, und dass Eltern es in der Hand haben, die Konsequenzen der Handlungen ihrer Kinder zu beeinflussen, um damit dem Verhalten der Kinder eine Richtung zu geben. Beispiel: wenn ein Kindergartenkind jeden morgen Theater beim Anziehen macht und dadurch zu spät in den Kindergarten kommt, kann eine Konsequenz sein, es einmal im Schlafanzug hinzuschicken. Wenn ein Kind zu spät nach Hause kommt, kann es eine Konsequenz sein, daß es dann nicht mehr Fernsehen kann abends, weil keine Zeit mehr bleibt, o.ä. Die Konsequenz hängt jeweils von den gesamten Lebensumständen ab und sollte, wenn es um ein häufig vorkommendes Verhalten geht, mit dem Kind vorbesprochen werden, damit es sich drauf einstellen kann und die Wahl hat zwischen "sich an die Regel halten" und "die Konsequenzen tragen". Orientierung muß sein, daß es eine Folge aus dem Verhalten ist und unmittelbar etwas mit dem Verhalten zu tun haben muß. Nur so bewirkt es etwas. Häufig sagen Kinder auch im Gespräch mit uns, "meine Mutter ist immer so weinerlich, sagt immer, Du könntest das ja auch mal machen, das geht mir auf den Geist. Warum sagt sie nicht einfach, was sie von mir will."

Edith Thelen

Diplom-Psychologin, Beratungsstelle Mittelstrasse, Kerpen

info at eb-kerpen.de

 

 

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