Familien - stärken

 

Zur Bedeutung von Erziehungsberatung heute

Ein Beitrag aus systemischer Sicht

Vortrag von Dr. Elisabeth Mackscheidt zum Jubiläum der Erziehungsberatung Erftstadt am 08.09.2000

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie haben mir den Titel "Familien - stärken" vorgegeben, ein Titel, auf den ich gerne eingegangen bin. Die Frage ist hier, warum das Angebot von Beratung heute zur Stärkung von Familien gehört.

Da kann man als erstes feststellen, dass Erziehen schwieriger geworden ist. Wir haben kein Modell, auf was hin wir eigentlich erziehen sollen; wir wissen nicht, in welcher Situation der junge Mensch, wenn er erwachsen ist, einmal leben wird. Und wir haben in unserer Gesellschaft sehr plurale Vorstellungen davon, wie das Erziehungsgeschäft vonstatten gehen sollte - übrigens auch unter den sogenannten Experten. Letztendlich sind Eltern meist zurückgeworfen darauf, selber eine Entscheidung fällen zu müssen, und können sich nicht an eine vorgegebene Vorstellung halten. Zumindest schichtspezifisch war es dagegen früher relativ klar, wie man erzieht. Es war auch klar, welche Rolle man später einmal als Mann oder Frau einnehmen wird.

Die heutige Unterschiedlichkeit der Vorstellungen herrscht aber nicht nur zwischen verschiedenen Familien, sondern auch, und das macht die Sache noch etwas komplizierter, zwischen Vater und Mutter in ein und derselben Familie. Heute ist das Zusammenkommen der Paare ein sehr individueller Prozess. Wir haben das oft gar nicht so im Blick, dass die beiden, die sich da zusammentun, aus zwei verschiedenen Familiensystemen kommen; in Wirklichkeit aber spielt die Herkunftsfamilie eine große Rolle. Gerade dann, wenn ein Kind kommt, schlagen oft die alten Loyalitäten wieder durch. Bei der Paarbildung selber ist es vielleicht spannend, dass der andere oder die andere einen ganz anderen Stil gewöhnt ist; dann ist es vielleicht gerade die schöne Ergänzung. Aber in dem Moment, wo eine gemeinsame Verantwortung für ein Kind übernommen wird, spürt man auf einmal, dass jedem etwas anderes wichtig erscheint bei der Erziehung. Dabei geht es nicht nur um die Frage eines einzelnen Erziehungsverhaltens, sondern heute ist ja sogar offen, welche Rolle Vater oder Mutter überhaupt in der Familie übernehmen - wie viel Familienarbeit, wie viel Berufsarbeit. Das ist eine Frage, die sehr viele Aushandlungsprozesse nötig macht und die auch nicht ein für allemal entschieden werden kann. Natürlich überlegen junge Menschen heute oft auch schon, ehe sie heiraten, was für Vorstellungen sie da haben. Aber das sieht dann häufig im Laufe des Familienzyklus noch einmal ganz anders aus. Und da spielen natürlich auch die Vorstellungen der älteren Generation in die Dynamik mit hinein.

Welche Rolle ich einnehme, ist besonders dann offen, wenn die Familie in ihrer Struktur eine neue Form annimmt - wenn Trennung und Scheidung ansteht oder wenn nach einer Trennung eine neue Familie gegründet wird. Da gibt es wenig Vorgaben. Da muss ich selber herausfinden, welche Aufgabe ich etwa als Stiefmutter habe oder als Vater, der außerhalb des Familiensystems lebt, der aber nach wie vor eine wichtige Funktion für seine Kinder hat.

Wir müssen also unsere Familienwelt selber entwerfen. Das ist eine große Entscheidungsfreiheit, eine große Chance; und ich meine, es gibt heute sehr viel bewusstes und natürlich auch viel gelingendes Familienleben. Andererseits macht aber diese Entscheidungsfreiheit auch Angst, sie verunsichert. Es ist ja auch ein Entscheidungszwang und erfordert eben sehr viel Dialog, sehr viel Auseinandersetzung, und dafür braucht man eigentlich gerade, dass man sich nicht so unsicher fühlt. Man muss heute die Fähigkeit besitzen, in Konflikte gehen zu können. Das setzt einen guten Selbststand voraus, und das wiederum ist für Fragen, die so sehr im Fluss sind in unserer Gesellschaft, gar nicht so selbstverständlich.

Faktisch ist es aber auch so, dass diese Freiheit durch die Außensysteme andererseits sehr begrenzt ist. Wir haben das Ideal, frei entscheiden zu können. Aber wenn man näher hinguckt, dann setzt die Arbeitswelt etwa oder die Frage, ob Kinderbetreuungseinrichtungen da sind, dann setzt dieses Umfeld oft sogar sehr enge Grenzen. Es gibt ein scharfes Spannungsverhältnis zwischen dem Ideal der Selbststeuerung und den Auswirkungen der Privatisierung, der das ganze Erziehungsgeschehen unterliegt. Wir geben die Gestaltung des Familienlebens in die Hände der Eltern, sorgen aber nicht gleichzeitig dafür (oder nur begrenzt), dass das Elternpaar, das in diesem Fall entscheiden muss, auch wirklich Spielraum hat, in einer Weise zu entscheiden, die für Vater und Mutter und dann eben auch für die Kinder zu einer befriedigenden Lösung führt. Ich glaube, dieses Spannungsverhältnis zwischen Macht (oder der Phantasie, man müsse die Macht haben) und Ohnmacht ist etwas, was heute viele Eltern belastet.

Es gibt aber auch eine innere Grenze, die dadurch erlebt wird, dass die Eltern zu etwas herausgefordert sind, was sie oft nicht selber schon in ihrer Familie lernen konnten. Gerade innerhalb der letzten zwei Generationen fand eine Entwicklung statt, die so schnell verlief, dass es nahe liegt, dass nicht alle Eltern auch innerlich mitkommen. So führen diese Spannungen oft zu einem Versuch der Selbststabilisierung über Mechanismen, die nicht hilfreich sind für Kinder, u.U. auch über Gewalt. Wir sind uns ja zum Glück gesellschaftlich einig geworden, dass ein Kind ein Recht auf gewaltfreie Erziehung hat; aber dazu bedarf es auch der Hilfen. Es ist nicht so einfach, immer gewaltfrei zu erziehen. Bei Gewalt muss man ja nicht gleich an die schlimmsten Misshandlungen denken, Gewalt hat vielmehr ein breites Spektrum. Und die Änderung dieses Paragraphen ist ja gerade so formuliert worden, dass viele Formen von Gewalt mit angesprochen sind und nicht nur Kindesmisshandlungen im engen, strafrechtlich relevanten Sinne.

Die Verunsicherung im erzieherischen Verhalten entstammt aber auch dem besonderen Anspruch, den Eltern heute an sich selbst haben. Es könnte ja, wenn man hört, Erziehen sei schwieriger geworden, allgemeiner Konsens sein, zu sagen: Ja gut, das kann man eben nie so richtig schaffen; da kann man sich nur mit Versuch und Irrtum durchwurschteln. Sie merken aber, der Anspruch, den Eltern, jedenfalls viele Eltern, an sich selbst haben, ist höher. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass Kinder heute geplant sind. Selbst wenn sie vielleicht nicht ganz genau geplant sind (zum Glück spielt der liebe Gott ja auch noch mit), so können wir doch sagen: Im Prinzip entscheidet man sich zu der Lebensform mit Kind. Das führt natürlich auch zu einem erhöhten Gefühl der Verantwortung dafür, wie es diesem Kind geht. Kinder sind eben nicht mehr Schicksal, und das macht viele Schuldgefühle. Schuldgefühle aber sind immer eine schwierige Sache, wenn man sich gleichzeitig kompetent fühlen soll als Eltern. Auch liegt es nahe, dass wir, wenn wir uns bewusst für Kinder entscheiden, wir auch bewusst ein Bild davon haben, was diese Kinder für uns bedeuten sollen, wie sie werden sollen. Natürlich haben Eltern immer ein solches Bild gehabt; aber ich denke, es bekommt einen anderen Stellenwert heute. Die Frage, entspricht das Kind dem Bild, das wir als Eltern uns von ihm gemacht haben, gewinnt an Gewicht.

Ein anderer Punkt, warum Erziehung heute anspruchsvoll ist, liegt in der Vorstellung, dass unsere Kinder selbstständig und kritikfähig werden sollen. Diese Vorstellung hat nicht zuletzt mit der Demokratie zu tun und wird von der Mehrheit der Bevölkerung - auch von mir, natürlich - geteilt. Wenn wir unsere Kinder zu Selbständigkeit und Kritikfähigkeit erziehen, sind sie anstrengend. Ich glaube, vor allem auch alle Lehrer und Lehrerinnen unter uns wissen, was das bedeuten kann. Ich denke allerdings, dass dieses Ideal, das Eltern haben, u.U. dazu führt, dass die Kinder fast schon wie kleine Partner genommen werden. Das aber macht es schwer, die Generationsgrenze zu wahren. Vielleicht ist es kein Zufall, dass die familientherapeutischen Überlegungen zur Generationsgrenze, wie sie gerade in der strukturellen Familientherapie angestellt wurden, sich in einer Zeit herausgebildet haben, wo es eben nicht mehr so klar war, was Sache der Eltern und was Sache der Kinder ist. Wir machen in der Familientherapie jedenfalls die Erfahrung, dass gerade das klar sein muss, wenn Familienleben gelingen soll. Das braucht keine rigide Grenze zu sein; Kinder wollen ja auch durch Identifizierung mit den Erwachsenen sozusagen ausprobieren, wie das einmal sein wird, erwachsen zu sein. Aber es muss klar sein, wie die Verantwortlichkeiten verteilt sind. In Gesprächen mit vielen Erziehungsberatern und -beraterinnen, die ich in letzter Zeit geführt habe, war jedenfalls ein großes Thema: Wagen Eltern es heute noch, zu übernehmen, dass sie die Verantwortung für das haben, was in der Familie passiert, auch wenn man natürlich (altersgemäß) Kinder mit einbeziehen kann und sollte. Gerade in dem Gebiet, in dem ich viel tätig war, nämlich im Umgang mit Trennung und Scheidung, ist es besonders wichtig, dass klar ist, wo die Verantwortlichkeiten liegen.

Ich glaube, dass die Idee - die ja im Prinzip gut ist -, Kinder in ihrer Persönlichkeit sehr ernst zu nehmen, immer dann, wenn wir die Kinder dabei schon fast wie gleichrangige Partner nehmen, dazu angetan ist, dass in vielen Familien das passiert, was wir Parentifizierung nennen. Parentes, das sind die Eltern. Wir sehnen uns danach, dass unsere Kinder uns etwas geben, was wir eigentlich von unseren eigenen Eltern gerne gehabt hätten. Wir möchten z.B. von unseren Kindern Anerkennung bekommen. In gewissem Ausmaß geht es allen Eltern so. Aber oft wird Kindern eine Macht eingeräumt, die sie überfordert - wenn sie ihren eigenen Eltern gewissermaßen die Richtung weisen sollen.

Es ist aber auch nicht immer leicht, Kindern Grenzen zu setzen. Ich glaube, dass da oft nicht unterschieden wird zwischen dem, was man Kindern zumuten kann, nämlich sie zu frustrieren, und dem, was man ihnen tatsächlich nicht zumuten sollte, nämlich sie zu kränken. Frustration entsteht, wenn ich etwas, was ich mir wünsche, nicht bekomme, und das gehört zum Erwachsen-werden dazu, schon früh sogar; es gehört zu dem ganzen Vorgang des Heranreifens. Kränkend wird es erst dann, wenn mir der Wunsch selber schon übel genommen wird - es kann ja auch ein aggressiver Wunsch sein, z.B. dem kleinen Geschwisterchen eins drüberzugeben. Kränkend wird es, wenn nicht nur die Grenze gesetzt wird: " Was geht, und was geht nicht?", sondern wenn mir im Grunde verübelt wird, dass ich dies überhaupt wünsche. Wenn Eltern das Kind da, wo es z.B. Konsumwünsche oder den Wunsch, etwas zu dürfen, anmeldet, als gleichrangigen Partner nehmen, dann ist es für sie sehr schwierig, dem Kind zu signalisieren: "Ich kann verstehen, dass du dir das jetzt wünschst, aber meines Erachtens oder noch besser unseres Erachtens als Eltern steht das jetzt nicht an." Bei größeren Kindern oder Jugendlichen kann man dann vielleicht noch die Bemerkung machen: "Möglicherweise machst du das später mal anders mit deinen Kindern"; aber jedenfalls ist klar: Die Eltern halten das jetzt so für richtig. Das ist das, was wir mit Generationsgrenze meinen und was heute schwieriger geworden ist, obwohl es eine ganz elementare Sache des Erziehens ist.

Aus der Sicht des Kindes sieht die Situation so aus, dass es einerseits schön ist, heute Kind zu sein; man wird ernst genommen. Das gilt selbstverständlich nicht für alle Kinder; wenn ich hier als Vorsitzende des Kinderschutzbundes Köln spreche, weiß ich natürlich, dass es nicht wenige Familien gibt, wo Kinder vernachlässigt werden. Ich spreche jetzt von der breiten Bevölkerung, von dem, was doch im allgemeinen Familien heute leben. Und da kann man schon sagen, dass die Konzentration auf das Kind sehr groß ist und dass Eltern viel investieren, gute Eltern zu sein. Das ist natürlich gut für die Kinder. Sie haben sozusagen eine neue Chance, um ihrer selbst willen geliebt zu werden. Es muss nicht mehr über sie die Alterssicherung der Eltern gewährleistet werden, sie sind nicht mehr als Arbeitskraft gewünscht. Das alles hat sich herausverlagert aus der Familie. Im Gegenteil, Kinder sind sehr teuer. Untersuchungen von Soziologen zeigen, dass sie vom Finanziellen her sozusagen ein Zusatzgeschäft sind. Man muss sie schon wollen und lieben, die Kinder, und das ist eine schöne Sache für sie.

Andererseits spüren die Kinder natürlich auch den Druck, den die Eltern sich selber machen. Sie spüren, dass sie einem Bild entsprechen sollen, und das macht ihr Selbstwertgefühl oft ein Stück labiler, als es vielleicht sonst sein würde. Eine Erfahrung, die gerade wir in der Familientherapie machen, ist die, dass nicht nur die Eltern für die Kinder sorgen, sondern auch die Kinder für die Eltern. D. h., Kinder haben alle Antennen ausgefahren, zu gucken, was gut für ihre Eltern ist. Und da stellen sie fest: Den Eltern ist heute an ihrer ehelichen Beziehung gelegen. Dass wir so viele Scheidungen haben, liegt ja nicht daran, dass wir Partnerschaft nicht ernst nähmen, dass wir sozusagen eine Wegwerfgesellschaft wären, sondern daran, dass wir so hohe Ansprüche an die Partnerschaft haben. Das spüren die Kinder natürlich, und sie sind geneigt, zu dem beizutragen, was für ihre Eltern wichtig ist. Sie wollen zum ehelichen Gleichgewicht beitragen, sie wollen Nähe und Distanz zwischen den Eltern regulieren. Das ist natürlich mehr ein unbewusstes als bewusstes Geschehen - zum Teil auch ein bewusstes; manche Aussagen von Kindern zeigen, wie sehr sie sich auch ausdrücklich Gedanken darüber machen, wie es ihren Eltern geht, wie sie miteinander zurechtkommen.

Auch bedeutet die Tatsache, dass Kinder oft einbezogen werden in Entscheidungen und geradezu gleichrangig in die Kommunikation darüber gehen sollen, durchaus auch einen Anpassungsdruck für sie. In gewisser Weise ist es einfacher, in einer autoritären Erziehung Kind zu sein: Man kann sich dann ärgern über diese blöden, hinterwäldlerischen Eltern; man muss nicht selber alles richtig finden, was sie tun, während das ja jetzt ein Stück sensibler austariert sein muss. Heute muss man als Kind selber die Erwartungen der Eltern erahnen - mit zunehmendem Alter natürlich mehr, obwohl wir wissen, dass es ja sehr früh schon beginnt, dass Kinder ein Gefühl dafür entwickeln möchten, was die Eltern denn erwarten. Und wenn die gar nicht mehr so klar sagen: "Das erwarten wir, und das erwarten wir nicht", dann sind die Kinder ziemlich angestrengt. Sie haben eine Entscheidungszuständigkeit, die eine Last sein kann. Andererseits müssen wir sagen, dass der Alltag wiederum so durchgeplant ist, jedenfalls für die typische Mittelschichtfamilie, dass eher wenig Spielraum für kindliche Entscheidungen da ist, den Kinder früher irgendwo auf der Straße hatten - mit unterschiedlichen Altersgruppen und in vielen Stunden, in denen die Erwachsenen überhaupt nicht hingeguckt haben; diese Stunden erleben ja viele Kinder gar nicht mehr. Es gibt also sehr wohl Gründe dafür, warum es heute nicht so einfach ist, Kind zu sein.

Eine Chance von Beratung liegt darin, dass sie eine Plattform abgeben kann für die Aushandlungsprozesse der Eltern, für ihre Rollenfindung. Sie kann den Dialog fördern zwischen Eltern und Kindern und natürlich zwischen den Eltern untereinander. Oft ist der Berater so eine Art Dolmetscher verschiedener Sprachen, ich meine verschiedener Erziehungsstile - manchmal (bei den multikulturellen Familien) auch wirklich verschiedener Sprachen, wo es dann oft um ganz elementare unterschiedliche Vorstellungen vom Leben geht. Aber auch da, wo die beiden aus demselben Kulturraum kommen, gibt es inzwischen schon verschiedene "Sprachen". In der Beratung geht es zunächst darum, Situationen zu verstehen; vor allem aber geht es um Verständigung. Vielleicht ist das, was die Eltern verschieden einschätzen, ursprünglich gar nicht als Kampf gedacht zwischen den Eltern, sondern kommt eher aus etwas, was man schützen möchte, aus den Aufträgen, die man aus seiner Herkunftsfamilie bekommen hat. Manchmal kann ein Beratungsgespräch, schon allein weil dieser Zusammenhang einmal Thema wird, die Spitze der Kränkung im Konflikt der Eltern nehmen. Wichtig ist ja in der Erziehung nicht, dass die Eltern dasselbe denken über Erziehung, sondern dass sie sich zusammenraufen, in Grundfragen zu einem Kompromiss finden und in vielen kleinen Fragen des Alltags die Unterschiedlichkeit auch stehen lassen können. Entscheidend ist die gegenseitige Wertschätzung. Dass die Mutter anders über etwas denkt als der Vater, das ist für das Kind nicht schlimm, wenn die Mutter es nicht schrecklich findet, dass der Vater anders darüber denkt, und umgekehrt. Es kann ja durchaus eine Ressource sein, dass z.B. der eine weniger ängstlich ist als der andere oder weniger leistungsbetont usw. Es könnte eine Ressource sein, wenn das gegenseitig wertschätzend eingebracht wird in die Erziehung. Doch man kann auch nachfühlen, dass es dafür oft hilfreich ist, eine Plattform für das Gespräch zu haben, insbesondere natürlich dann, wenn es auf der Paarebene große Konflikte gibt.

Das gilt besonders dann, wenn Trennungsentscheidungen anstehen. Dann ist es, ich würde fast sagen, unabdingbar, dass man eine Plattform findet für das notwendige Gespräch. Manchmal stellen Freunde sich zur Verfügung, und es gibt ja auch Partner, die sich langsam auseinanderleben und die das dann eher souverän schaffen, wie es ja überhaupt auch Paare gibt, denen es von vorneherein gelingt, zwischen Paarebene und Elternebene zu trennen. Im allgemeinen aber ist das Auseinanderleben ein sehr schwieriger, asymmetrischer Prozess; und so ist es eine ganz vorrangige gesellschaftliche und, wie ich finde, auch kirchliche Aufgabe, da Hilfestellung anzubieten.

Oft geht es darum, dass Beratung entlastet - dass sie z.B. die Eltern von der Vorstellung entlastet, ihr Kind müsse eine gradlinige Entwicklung nehmen. Ein bisschen verführt ja unsere technische Zivilisation dazu, zu meinen, alles müsse berechenbar sein. Inzwischen sind wir zwar etwas vorsichtiger geworden in unserer Sicht von der Welt; aber es gibt immer noch die Vorstellung: Eigentlich muss das fluppen, ohne Krisen. Und schon allein da zu depathologisieren, zu zeigen, dass es Krisen geben darf, kann entlastend sein. Man kann die Eltern auch von dem Schuldgefühl entlasten, sie müssten den Stress aus der Berufswelt kompensieren können in der Familie. Es gibt aber die grundsätzliche Erfahrung, dass wir Probleme, die in dem einen System entstehen, in einem anderen System nicht ganz auffangen können; das muss dann schon ein Stück weit da gelöst werden, wo es hingehört. Entlasten kann Beratung auch Eltern, die nach einer Trennung die Idee haben, sie könnten jetzt keine wirklich guten Eltern mehr sein, da sie nicht mehr alle zusammen in der einen Familie leben. Manchmal muss man auch die Großeltern von der Idee entlasten, ihre Kinder und Schwiegerkinder könnten wegen der Trennung keine guten Eltern mehr sein.

Beratung kann aber natürlich auch Kinder entlasten, z.B. ihnen einen Raum geben, wo sie ihre Gefühle ausdrücken können, ohne gleich wieder den Eindruck zu haben: Ich belaste damit Vater oder Mutter. Überhaupt muss es ein Ziel sein, Kinder aus einer, wie wir sagen, Triangulierung rauszunehmen, d.h dazu beizutragen, dass Probleme nicht mehr über das Kind "gelöst" werden. Das kann durch Familiengespräche, wie es sie in dieser Beratungsstelle ja auch gibt, geschehen. Das kann aber auch schon durch die Elterngespräche selbst geschehen; denn wenn Kinder erfahren, dass die Eltern sich Hilfe holen, dann empfinden sie das in sich schon als entlastend; es bringt sie schon ein Stück aus dieser Rolle heraus, dass sie für die Krise, die sie natürlich auch spüren, Lösungen anbieten müssten.

Entlasten und vor allem ermutigen - da sind wir wieder bei dem Thema "Familien - stärken". Eltern ermutigen, dass sie ihre Kompetenz einbringen; dass sie wagen, Grenzen zu setzen; wagen, Konflikte auszutragen. Letzteres geschieht wohl am besten dadurch, dass die Eltern in der Beratungssituation erleben, unterschiedliche Positionen zu haben und trotzdem wertschätzend miteinander umzugehen.

"Ermutigen" ist vielleicht das richtige Stichwort für ein paar Gedanken zur systemischen Beratung. Systemisches Arbeiten ist sicherlich besonders geeignet, die Stärken der Eltern zu sehen. In dem Wort "Familien - stärken" steckt ja beides drin: die Familie stärken und die Stärken der Familie sehen. Für eine systemisch orientierte Beratung ist es typisch, konsequent an den Ressourcen der Ratsuchenden anzuknüpfen. Am deutlichsten zeigt sich das darin, dass sie gerade auch in dem Problemverhalten oft einen Beitrag für eine Lösung sieht. Man kann Probleme, die z. B. jugendliche Heranwachsende zeigen, aus der Sicht dieser Jugendlichen nicht selten als ein Hilfsangebot an ihre Familie verstehen. Das ist nun nicht so gemeint, dass damit wiederum eine neue Problematik entsteht, dass nämlich die Eltern nun neue Schuldgefühle kriegen (sie haben sich jetzt so benommen, dass der Jugendliche oder das Kind ein solches Hilfsangebot machen muss), sondern das Verhalten ist gerade aus der Kreativität und Produktivität dieses Kindes selbst zu verstehen. "Symptome" sind ja schon in sich ein kreativer Vorgang, mit einer Irritation fertig zu werden; aber sie können auch im Blick auf das ganze Familiensystem ein produktiver Beitrag sein, jedenfalls - wenn auch vielleicht unbewusst - als solcher gedacht sein. Familien fühlen sich in ihren Stärken verstanden, wenn ich nicht nach dem Defizit, nach dem Schuldigen usw. suche, sondern sehe, wie hier im Grunde jeder in der Familie etwas hat beitragen wollen dazu, dass das Familienleben in dieser besonderen Situation glückt - auch wenn dieser Beitrag offensichtlich anstrengend ist und sehr wohl Alternativen entwickelt werden müssen. Es geht also bei systemischer Beratung vor allem um die Würdigung der Verdienste eines jeden Familienmitglieds.

Systemische Beratung würde auch immer sagen, dass sie nicht von außen schon weiß, was für eine bestimmte Familie gut ist; sie setzt auf die Selbststeuerung der Familie. Man könnte ja denken, Systemiker seien voller Allmachtsphantasien - so von außen ein System betrachten und dann gewissermaßen dahinein intervenieren. Ich würde eher sagen, dass Systemiker sich bescheiden. Sie sind nicht die, die es für die Familie wissen müssen, sondern sie bieten eine Sichtweise an, die der Familie unter Umständen - das ist natürlich auch kein Zaubermittel - eine eigene Möglichkeit zu alternativem Verhalten gibt. Oft ist es übrigens ja auch so, dass schon eine andere Sicht auf dieselbe Situation, ohne dass das Verhalten sich wirklich ändert, etwas in Bewegung bringen kann. Manchmal leiden die Menschen gar nicht so sehr unter den Interaktionen selbst, als vielmehr unter der Deutung, die sie dem Geschehen in der Familie geben; das hat natürlich seine Grenzen, und eine absolute Grenze wäre die Gewalt.

Systemische Beratung setzt auf die Kompetenz der Eltern. Sie will nicht zu den 1000 Ratschlägen, die schon da sind, noch den 1001. dazugeben, sondern will die Eltern in einem dialogischen Prozess ihren Weg selber finden lassen, gemeinsam mit der Beraterin/dem Berater. Wer aufdeckend arbeitet, hat natürlich große Chancen; dann muss dem aber auch das Setting entsprechen; es muss langfristig orientiert sein. Es liegt mir fern, diese beiden Schulrichtungen einander entgegenzusetzen. (Ich komme ja selbst aus einer sich psychoanalytisch-systemisch verstehenden Gruppe, der APF Köln.) Aber ich denke, wir brauchen kurze Beratungssettings. Schon aus sozialen Gründen müssen die vielen Anfragen beantwortet werden. Man darf eine Familie, die bereit ist, sich in einer Krise Rat zu holen, nicht nach Hause schicken. Es müssen Lösungen gefunden werden, in kurzen Beratungsprozessen kreativ und produktiv antworten zu können. Dafür eignet sich m.E. systemisches Arbeiten in besonderer Weise. Darüber hinaus haben wir SystemikerInnen allerdings auch die Erfahrung gemacht, dass oft auch dann, wenn wir die Freiheit haben, zwischen langen und kurzen Prozessen zu wählen, ein systemisch orientierter kurzer Prozess das Mittel der Wahl sein kann - eben weil Familien viele Stärken mitbringen.

Als letztes möchte ich noch den Punkt erwähnen, dass systemische Beratung die Eigenständigkeit jedes Systems ernst nimmt. D.h., sie geht davon aus, dass jedes System entsprechend seiner Funktion anders strukturiert ist und seine eigenen Spielregeln entwickeln muss. Das gilt dann auch für die Zusammenarbeit mit Schule, Kindergarten, Sozialpädagogischer Familienhilfe oder anderen Institutionen. Diese Zusammenarbeit wird gerade dann glücken, wenn jeder bei Seinem bleibt und wenn nicht ein System die Spielregeln vorgibt - auch nicht die Beratung, selbst wenn diese vielleicht eine gewisse Moderatorenrolle in bestimmten Situationen, etwa bei einem Hilfeplangespräch, übernehmen kann. Es kann aber nie darum gehen, dass jetzt z.B. plötzlich die Schule ihre notwendige Leistungsorientierung völlig hintanstellt; es ist gut, wenn sie um die Situation eines Kindes weiß, aber sie braucht nicht ihre Spielregeln umzukrempeln. Und ganz wichtig ist natürlich, dass die Familie nicht glaubt, sich z.B. den Leistungsideen - das ist natürlich nicht die einzige Idee der Schule - oder überhaupt den Spielregeln der Schule unterwerfen zu müssen. Ich glaube, in der heutigen Gesellschaft kann das Leben nur dann funktionieren, wenn jeder sozusagen bei seinem Leisten bleibt; wenn wir kooperieren, aber nicht ein System dominant wird. (Es ist ja ein Problem unserer Gesellschaft, dass das Wirtschaftssystem eine gewisse Dominanz ausübt. Vorstellungen von Input und Output, von Produktivität usw. sind aber nur begrenzt auf andere Entwicklungsprozesse übertragbar. Wir müssen uns immer wieder vergewissern, um was es hier eigentlich geht und welche Spielregeln hier passen.) Wenn Beratung auf Vernetzung setzt, wie es offenbar in dieser Beratungsstelle der Fall ist, dann geht das nur über eine wertschätzende Haltung. Wertschätzung heißt ja auch respektieren, was Aufgabe der anderen Institution ist. Es geht um Kooperation bei dem Versuch, die Stärken der Familien aufzugreifen und gerade dadurch Familien zu stärken.

Nicht zuletzt passt das positive Bild vom Menschen, wie ich meine, zum christlichen Menschenbild; und das möchte ich hier nicht als bloß zusätzlichen Gesichtspunkt nennen, sondern das betrifft die Basis der ganzen Arbeit. Der Dialog zwischen der Sicht systemischer Beratung und der des christlichen Glaubens hat erst begonnen; m.E. kann er sehr fruchtbar sein. In einem aber jedenfalls sind wir uns hier im Raum sicherlich einig, nämlich darin, dass es nicht nur eine Pflicht der Kirche ist, in Beratung präsent zu sein, sondern dass Beratung auch eine große Chance für die Kirche heute ist. Aber auch umgekehrt gilt: Das Hoffnungspotential des christlichen Glaubens ist eine Chance für Beratung.

 

 

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