Belohnen oder Bezahlen? - Pro und Contra Zeugnisgeld

 

Sabine bekommt es immer, Manuel nie, David manchmal, und alle finden es ungerecht, dass die Erwachsenen solche Unterschiede machen.

"Ohne Fleiß kein Preis" - das ist doch ein solider Wahlspruch, der hier Anwendung finden könnte. Ein klar geregeltes System von finanzieller Notenbelohnung gibt Orientierung und Sicherheit; die Kinder wissen, wo sie dran sind und lernen frühzeitig, dass Leistung und Anstrengung wichtig sind, um auch materiellen Erfolg zu haben.

Das klingt einleuchtend und plausibel, beim näheren Hinschauen zeigen sich aber doch ganz erhebliche Probleme und Bedenken:

Eine Eins in Mathematik ist für Sabine selbstverständlich, weil sie leicht und ohne Anstrengung gerade in diesem Fach lernt. Für David ist eine Drei in eben diesem Fach das Ergebnis einer ungeheuren Kraftanstrengung,

Welche Geldbeträge wären hier einzusetzen? Sollten außerdem die Geldbeträge mit dem Alter steigen? Zwischen Erstklässler und Abiturient dürfte es ja gewiss dabei Unterschiede geben.

Hier wird deutlich, dass es mit der finanziellen Entlohnung für Noten so eine Sache ist. Sollte es also gar keine Belohnung geben, vielmehr kommentarlos selbstverständlich sein, dass Kinder sich in der Schule das Jahr über anstrengen?

Anstrengung darf und sollte belohnt werden. Das Schuljahresende mit dem Zeugnis ist ein wichtiger Einschnitt, bei dem durchaus ein sichtbares Zeichen der Anerkennung, des Lobes - und manchmal auch der Erleichterung über die doch noch stattgefundene Versetzung - angezeigt ist. Der Preis, der dem Fleiß folgt, muss ja nicht unbedingt an der Qualität der Noten abgemessene Entlohnung in klingender Münze sein. Empfehlenswerter scheint mir eine für die Kinder interessante Aktivität zu sein (am besten mit den Kindern zusammen planen). Eine solche Aktivität oder Unternehmung kann und darf dann Zeit - und auch etwas Geld, je nach Finanzlage der Familie - kosten, hat aber einen ganz anderen Charakter, als die Bezahlung von Zeugnisnoten. Was dabei für Kinder und Eltern attraktiv ist, richtet sich sowohl nach dem Alter der Kinder als auch nach den familiären Geflogenheiten, nicht zuletzt nach Phantasie und Kreativität der Beteiligten.

Nicht selten versuchen Eltern, die Lernmotivation ihrer Kinder zu unterstützen, indem sie über’s Jahr Belohnungsversprechen für ein gutes Zeugnis machen. Für Kinder - auch für größere - ist eine solche in weiter Ferne stehende Belohnung in der Regel wenig motivieren. Sie brauchen hier und jetzt Anerkennung für kleine Arbeits- und Lernschritte. Der Blick auf diese positiven Seiten braucht manchmal mehr Aufmerksamkeit seitens der Erwachsenen als die ins Auge fallenden Fehler und Schwächen.

Wir immer Sie sich bezüglich der Anerkennung für die Zeugnisnoten entscheiden, Sie werden gewiss nicht nur Zustimmung bei Ihrer Umgebung bekommen. Im Bekannten-, Verwandten- und Freundeskreis von Erwachsenen und Kindern gelten hierbei ebenso wie die anderen Erziehungsfragen oft ganz unterschiedliche Maßstäbe. Beispielhaft erwähnt sei etwa die Höhe des Taschengeldes oder Art und Umfang des Fernsehkonsums.

Hier wie bei anderen Fragen ist es angesagt, den eigenen Maßstab zu finden, zu benennen und zu vertreten

Ingrid Rasch

Dipl.-Psychologin, Köln

sekretariat at beratung-in-koeln.de

Zuerst veröffentlicht in "Elternforum", der Fach- und Verbandszeitschrift der Kath. Elternschaft Deutschlands (2-97)

 

 

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